Vorsicht!
Tiefschwarzer Humor
mit einem Schuss Melancholie
Eine Million Euro!
Was würdest du tun?
Es fängt so harmlos an.
Drei kleine Jungen finden Kokain in
einem Mülleimer und später eine Million
Euro in einer Hutschachtel.
Das klingt nicht legal. Ist es auch nicht,
aber sie kommen mit dem Leben davon,
weil sie das Vermögen
in Eiskreme mit bunten Streuseln
investieren.
Schon der Eisverkäufer wird den unverhofften
Geldsegen nicht überleben.
Der Besitz der Hutschachtel
scheint sich generell lebensverkürzend
auszuwirken. Das ahnen
sie jedoch nicht, die zukünftigen Millionäre.
Und so wandert die Hutschachtel von einem zum
anderen und das Unheil nimmt seinen Lauf ...
Wer wird überleben, wer nicht? Und warum?
Und was hat es mit dem Mädchen im weißen Kleid auf sich?
Leseprobe
Copyright © 2025 Ava Ballant
Stille.
»Wenn möglich, bitte wenden.«
»Nein«, wimmert sie und schaut auf. Sie kann nichts erkennen. Eine dicke Staubschicht bedeckt die Windschutzscheibe. Zittrig öffnet sie die Fahrertür und stemmt sich aus dem Sitz. Die Sonne blendet. Sie schirmt das Licht mit einer Hand ab. Dann sackt ihr Unterkiefer hinunter.
Gudrun reibt sich die Augen und wagt einen erneuten Blick. Das Resultat ist dasselbe. Erst klappt ihre Kinnlade noch weiter abwärts, dann geben auch ihre Knie nach.
Die Szenerie wirkt absurd. Vor ihr – nur wenige Meter entfernt – liegen drei blutüberströmte Körper. Ein paar Schritte daneben zwei weitere. Männer, soweit sie durch den Staub beurteilen kann. Bei einer der Personen ist sie sich nicht so sicher. Das Gesicht der Gestalt besteht nur noch aus einer blutigen Masse. Im Hintergrund stehen zwei Fahrzeuge mit geöffneten Türen. Gudrun blinzelt noch einmal. Sie hat sich nicht geirrt. Über den Körpern schweben Geldscheine. Sie leuchten violett und segeln langsam zu Boden. Einige landen auf den Leichen.
Sie atmet mehrere Male tief durch. So handhabt sie schwierige Situationen seit ihrer Kindheit. In Ermangelung einer Tasse Kaffee bleibt ihr auch nichts anderes übrig. Dann beugt sie sich weit in den Fahrerraum hinein und zieht ihre Handtasche auf den Fahrersitz. Die kleine, schwarze mit dem goldfarbenen Schulterriemen, die sonst unbeachtet in der untersten Kommodenschublade steckt. So muss sie wenigstens nicht nach dem Handy kramen. Ihre Finger zittern sich über das Display. 110 und …? Kein Netz verfügbar. Das kann doch nicht wahr sein!
Ist es aber. Und nun? Sie steigt wieder aus. Neben einem der Körper liegt ein schwarzer Kunstlederkoffer im Kies. Der Deckel ist aufgeklappt. Jede Windböe fegt Geldscheine aus dem Koffer. Gudrun stemmt die Hände in die Hüften – sie ist praktisch veranlagt. An dem Zustand der Leichen kann sie nichts mehr ändern, aber das Geld muss ja nicht auch noch wegfliegen.
So wankt sie zwischen den Körpern hindurch und beugt sich über den blutbesudelten Koffer. Der Deckel wird sich nicht schließen lassen. Ein Scharnier ist ausgerissen, das andere verbogen. Gudrun bemüht sich, das wurstförmige Gewebestück auf einem der Geldscheine im Koffer zu ignorieren. Sie hat aber noch einen dreckigen, langen Fingernagel daran ausmachen können, bevor sie ihren Blick abwendete. So kann sie den Koffer weder transportieren, noch die Scheine einsammeln. Gudrun hält den Deckel zu und denkt nach. Vor Anstrengung zieht sie die Stirn kraus. Dann richtet sie sich auf, schlüpft aus ihren Pumps und zerrt mühsam den engen Rock nach oben über ihre Hüften. Sie blickt sich vorsichtshalber um, bevor sie die Seidenstrumpfhose über ihr ausladendes Hinterteil zieht – runter bis zu den Knien – und einen Fuß nach dem anderen aus dem schlüpfrigen Stoff befreit. Dann bringt sie den Rock wieder in die ihm angestammte Position. Er ist zerknittert – was soll’s. Da beunruhigt es sie schon mehr, dass so jeder ihre Krampfadern sehen kann. Nun, die Männer um sie herum werden sich über den Zustand ihres Bindegewebes keine Gedanken machen und sie hätte jetzt auch keine 70-Den-Kompressionsstrumpfhose in der Hand, wenn ihre Waden glatt und schier wären – und wenn ihre Mutter nicht immer die Kartoffeln in ihren ausrangierten Seidenstrumpfhosen gelagert hätte. Alles hat ein Gutes, resümiert Gudrun, während sie die einzelnen Scheine genauso wie die gebündelten aus dem Koffer fischt, darauf bedacht, den zerfetzten Finger nicht zu berühren. Sie stopft sie in die Hosenbeine wie eine Reihe von Rollbraten in ein Schweinenetz.